Flüchtlingsdrama Syrien

04.08.14 / 09:17

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Wenn die Seele Hilfe braucht

Amar ist 18 Jahre alt und lebt mit ihren Eltern in einem Flüchtlingslager im Libanon. Seit sechs Monaten hatte sie kein Wort gesprochen. Auch nicht mit ihrer Familie. Ihr Vater musste sie zum Essen zwingen. Wann immer ein Flugzeug über ihre Unterkunft flog, versteckte sich Amar im Badezimmer.
Mit 14 Jahren wurde Amar mit ihrem damals 25-jährigen Ehemann verheiratet. Es war eine arrangierte Ehe, auch wenn ihr Vater sagt, dass sich das Paar ineinander verliebt hätte. Vor zwei Jahren bekamen die beiden einen Sohn.
Dann kam der Bürgerkrieg nach Aleppo. Ihre Eltern flüchteten in den Libanon und ließen Amar mit der Familie ihres Mannes zurück. Eines Tages traf eine Bombe das Auto, in dem Amar unterwegs war. Sie überlebte den Angriff, benahm sich aber seither sonderbar.
Ihre Schwiegermutter verstand nicht, dass Amars Verhalten von einem psychischen Trauma herrührte. Sie begann die junge Frau zu misshandeln, nannte sie „besessen“. Die Schwiegermutter drängte ihren Sohn zu einer neuerlichen Heirat. Amar wurde gezwungen, bei der Verlobungsparty anwesend zu sein.
Als ihr Zustand sich weiter verschlechterte wurde sie zu ihrer Familie in den Libanon geschickt. Die Trennung von ihrem Sohn war zu viel für die junge Mutter. “Ich war schockiert darüber, was aus ihr geworden war”, sagte ihr Vater Ahmed. „Amar bedeutet ‚Mond‘ auf Arabisch. Die Amar die ich kannte, schien wie der Mond. Sie war so fröhlich, so warmherzig und schlau.”
Amar wurde an die Caritas Psychologin Caroline Ghosn verwiesen. „Amar war bei unserem ersten Treffen vollkommen erstarrt und stumm. Sie war in sich selbst gefangen und hatte multiple Persönlichkeiten entwickelt um sich vor dem Erlebten zu schützen“, diagnostizierte die Caritas Ärztin.
Die Therapie zeigte nur langsam Fortschritte. Eines Tages schaffte es Amar einen Ball zu fangen und weiterzuwerfen. Ein Durchbruch auf einem langen Weg zurück in die Normalität.

Mein Herz tut weh

Zahra  mag es bunt. Als sie in der Früh aufstand schlüpfte sie ihren geliebten rosa Pulli und eine orange Jogginghose. Wo war sie, als die Flieger das halbe Viertel in die Luft sprengten? Als die Bomben fielen und ihr bisheriges Leben aus allen Angeln riss.
Zwischen ihren Augen sitzt nach wie vor ein Granatsplitter. Ein Mal des Krieges, das nicht verheilen kann. „Wenn ich an Syrien denke, dann tut mir das Herz weh und mein Bauch schmerzt“, schildert  Zahra. Heute lebt sie mit ihren Eltern und ihren jüngeren Schwestern in einer Gewächshausanlage in der Nähe von Beirut. Plastikfolien von Waschmitteln sind über das Grundskelett des Gewächshauses gespannt und klatschen laut im Wind. Sie schlafen ohne Matratzen auf dem Boden. Auf einem kleinen, wackeligen Tischchen steht eine verbeulte Teekanne und mit notdürftig zusammen gebundenem Reisig kehrt die Achtjährige den Boden der Behausung. So wie sie es damals von ihrer Mutter gelernt hat. Zu Hause in Beirut,  in ihrer Küche, in einer anderen Zeit und in einer anderen Welt. Den rosa Pulli und die Jogginghose von damals trägt sich noch heute.
Was sie sich für die Zukunft erhofft? Essen für ihre Eltern und sie selbst hätte gerne eine Puppe, der sie ihren Kummer anvertrauen kann. Vielleicht kann sie doch wieder einmal in die Schule gehen und Englisch lernen?

Drei Millionen Kinder sind auf der Flucht vor dem Horror der Gewalt in Syrien. Die meisten sind jünger als 12 Jahre, viele haben ihre Eltern verloren und sind nun allein in den Nachbarländern unterwegs. Sie leben in provisorisch zusammengezimmerten Zelten, haben zu wenig zu essen, zu wenig medizinische Versorgung und kaum Möglichkeiten eine Schule zu besuchen.
Die Caritas versorgt diese Familien mit Lebensmittelpaketen, Hygieneartikel, Decken, Matratzen, (Winter-)Kleidung und medizinischer Hilfe.

Und es werden immer mehr…

Ich habe gesehen, wie Kinder verhungert sind. Es gab nicht genug Milch, um neugeborene Babys zu ernähren“, sagt Amal, eine 27-jährige Mutter, die vor Kurzem aus Damaskus geflohen ist. „Die Menschen haben Katzen und Hunde gegessen. Um es auszuhalten, haben wir sogar Gras im Wasser gekocht“, erzählt sie.

 

Immer noch fliehen Menschen vor dem Bürgerkrieg in Syrien und überqueren die Grenze in die Nachbarländer. Ihre Zukunft als Flüchtlinge ist mehr als ungewiss. Es bleibt ihnen aber keine andere Wahl, wenn sie ihre Kinder retten wollen. „Diese Menschen haben alles verloren. Nicht nur ihre Häuser und ihr Hab und Gut, sondern auch ihr Selbstwertgefühl“, sagt Laurette Challita, Koordinatorin im Caritas Libanon Flüchtlingsbüro. „Unsere Aufgabe ist es, ihnen ihre Würde wiederzugeben und ihnen zu ermöglichen, wieder Kontrolle über ihr eigenes Leben zu gewinnen.“

Die Flüchtlinge leben in improvisierten Zeltlagern oder verlassenen Gebäuden und Wohnungen – wenn sie es sich leisten können. Für Miete, Strom, Essen und Wasser müssen sie selbst aufkommen. Doch auch die Kinder wollen in die Schule, Mütter müssen für Geburten ins Krankenhaus und ältere und kranke Menschen brauchen medizinische Versorgung. 

Während diese Bedürfnisse steigen, gehen die Ressourcen zur Neige.

„Ich habe selbst ein 2 Jahre altes Kind. Wenn ich einer Mutter mit einem kleinen Kind begegne, sage ich ihr, dass sie essen muss, um ihr Kind zu ernähren. Es bricht mir das Herz zu wissen, dass sie es sich wahrscheinlich nicht leisten kann“, sagt Laurette Challita.

 „Eine Million Flüchtlinge setzen den Libanon unter gehörigen Druck, sagt Paul Karam, Präsident der Caritas Libanon. „Ein Drittel unserer Bevölkerung ist jetzt syrisch, stellen Sie sich vor, Österreich müsste mit einem solchen Ansturm zurechtkommen.“ Das Ausmaß der Syrien-Krise ist erschütternd. Ungefähr 2,9 Millionen Menschen sind in die Nachbarländer geflüchtet. In Syrien selbst sind es fast 10 Millionen, die Hilfe benötigen. „Wir haben nicht genug Mittel, um jedem helfen zu können“, sagt Paul Karam. „Der Libanon sollte nicht die Rechnung für diesen Krieg bezahlen müssen.“

Die Caritas beginnt ihre Arbeit auszuweiten. Neben dem Verteilen von Hilfsmitteln setzt man vermehrt auf Aufklärung und Bildung. Heuer hat die Caritas 60.000 syrischen Flüchtlingskindern den Schulbesuch ermöglicht. Jüngere Kinder können ein “Beschleunigtes Lern-Programm” absolvieren. So werden sie auf das libanesische Schulsystem vorbereitet.

Wie kann man helfen?
Die katholischen Pfarren der Diözese Eisenstadt werden am 10. und 17. August die Caritas
Sammlung gegen den Hunger durchführen.

Weitere Spendenmöglichkeiten:
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Erlagscheine in allen Erste Banken, Raiffeisenbanken und Postämtern.
IBAN: AT34 3300 0000 0100  0652 Kennwort: Zukunft ohne Hunger
Online-Spenden: www.caritas-burgenland.at  www.wall-of-hope.at