Wenn Heizen zum Luxus wird

03.11.16 / 13:56

Es sind nicht viele, meint die Politik mit Stolz und spricht von mindestens 26.000 Menschen im Burgenland, die durch das soziale Netz fallen und arm sind.

Für die Betroffenen kann das zum Beispiel heißen: ihre Wohnung bleibt kalt, weil sie sich die enormen Preissteigerungen für Öl oder Strom nicht mehr leisten können. Der Besuch beim Zahn-/Arzt wird - im wahrsten Sinn des Wortes - zum Luxus. Oder sie müssen sich gar entscheiden, ob sie die Miete zahlen oder Nahrungsmittel kaufen. Reparaturen oder gar Neuan­schaffungen für einen Herd oder für eine Waschmaschine sind kaum möglich: denn eigentlich stopft man ein finanzielles Loch mit dem anderen und zum Sparen fehlt jede Möglichkeit.

Wer ist arm?
Um Armut vergleichbar zu machen, wur­den insgesamt sieben „Armutskriterien“ definiert. Treffen zwei davon zu, spricht man von „materieller Deprivation“, was man mit Entbehrung oder auch Isolation übersetzen kann. Im Burgenland sind vor allem alleinerziehende Mütter, Langzeitar­beitslose und Familien mit drei oder mehr Kindern überdurchschnittlich häufig von Armut betroffen.

Die „Sozialschmarotzer“

„Keiner, der zu uns in die Nothilfe und Sozialberatung kommt, ist gerne arm. Den Sozialschmarotzer, der es sich in der so­zialen Hängematte gemütlich macht und über seine Lage total glücklich ist, haben wir in der Caritas noch nicht erlebt. In den meisten Fällen suchen unsere KlientInnen verzweifelt einen Weg, um Armut und Not zurück zu lassen“, schildert Dir. Pinter.

Mir doch nicht...
„Die einzelnen Schicksale sind so ver­schieden, aber trotzdem mit dem gleichen Garn genäht: Ein Unfall, eine gescheiterte Beziehung, eine Krankheit, eine Sucht. Dann der Verlust des Arbeitsplatzes. Unsere Sozialberaterinnen hören sehr oft: „Ich hätte mir nie gedacht, dass mir ein­mal so etwas passieren kann!“

Armut verhindern
Die MitarbeiterInnen der Caritas werden tagtäglich mit den Auswirkungen von Armut und Ausgrenzung konfrontiert. Großalarm ist immer angesagt, wenn eine Familie vor der Delogierung steht. „Dann werden alle möglichen und unmöglichen Hebel angesetzt, um diese Tragödie zu verhindern“, schildert Edith Pinter den Alltag in der Caritas Not- und Sozial-Bera­tung. „Wenn Menschen in die Obdachlo­sigkeit rutschen, verlieren sie auch psy­chisch den Boden unter den Füßen und der Weg zurück in die Normalität ist noch schwieriger und beschwerlicher.“

Rund acht Prozent der KlientInnen der Caritas Not- und Sozialberatung haben Wohnprobleme. Tendenz leider stark steigend. „Wir sehen hier ein schnell wachsendes Problem und möchten schon vorbeugend eine Art Delogierungsfonds einrichten“, skizziert die Caritas-Direktorin einen der wichtigsten und ambitioniertesten Zu­kunftspläne für das nächste Jahr.

Armut ist vererbbar
Es braucht aber nicht nur eine effektive Soforthilfe, sondern auch nachhaltige Hilfsprojekte, um Armut an der Wurzel zu packen. Wer in Armut aufwächst, hat auch geringere Chancen und Möglichkeiten. Deshalb werden aus armen Kindern arme Erwachsene. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, ist Bildung ein wichtiger Schlüssel zur Armutsbekämpfung. 

Das Caritas Lerncafé
In den Caritas Lerncafés erhalten Kinder aus sozial benachteiligten Familien Lern-unterstützung und Nachmittagsbetreuung. „Derzeit gibt es vier Caritas Lerncafés im Burgenland. Eine Anzahl, die wir sehr ger­ne erhöhen würden“, hofft Edith Pinter.

Caritas Mutter+Kind=Haus
Dieses Hilfsprojekt für junge Mütter ohne familiären Rückhalt hat sich in Wimpassing bereits bestens bewährt. In den nächsten Jahren hofft die Caritas auf die budgetä­ren Möglichkeiten, um ein weiteres Haus in Oberpullendorf eröffnen zu können.

Eine Luftmatratze als Bett
Die Carla dient als Drehscheibe zwischen SachspenderInnen und KlientInnen der Caritas Not- und Sozialberatung und hilft auch Menschen, die auf günstige Ein­kaufsquellen angewiesen sind. Neben der starken Nachfrage nach Winterkleidung und Babyausstattung ist auch in der Carla Eisenstadt festzustellen: Wohnen wird zum Luxusthema: „Erst kürzlich kam eine Fami­lie in die Carla. Sie hatte Gutscheine von der Caritas Sozialberaterin, denn die drei Kinder schliefen nach einem Umzug in eine kleinere Wohnung nun schon seit Mo­naten auf Luftmatratzen. Hier in der Carla wurden sie nun mit Kinderbetten versorgt.“

Von der Angst zum Hass
„Manchmal kommt es mir so vor, als wür­den wir versuchen, ein Fass ohne Boden zu füllen“, vergleicht Edith Pinter den Kampf gegen die Armut. „Un­ser soziales Klima ist kühler geworden. An die 70 Prozent der Menschen fürch­ten sich vor Armut und Arbeitslosigkeit. Aber Angst ist ein schlechter Berater und schlägt - richtig gelenkt - auch in Hass um. In dieser Atmosphäre die Diskussion über Deckelungen oder Kürzungen der Mindestsicherung durch fragwürdige Rechenbeispiele emotional anzuheizen, ist im Sinne einer effektiven Armutsbekämpfung nicht zielführend“, erklärte Edith Pinter. „Die Mindestsicherung sollte aus Sicht der Caritas bestimmte Grundprinzipien berücksichtigen: Es braucht eine bundesweit einheitliche Mindestsicherung. Es kann ja nicht entscheidend sein, wo jemand lebt, sondern in welcher Notlage er sich befindet.“

Um Armut zu bekämpfen, plädiert die Caritas Direktorin gleichzeitig für die Schaffung von Arbeitsplätzen, von denen die Menschen auch leben können. „Früher ein Grundsatz, heute durch prekäre Beschäftigungsformen, wie Praktika, freie Dienstverträge oder Teilzeit, keine Selbstverständlichkeit mehr“, führt Pinter aus. In der Schaffung von leistbarem Wohnraum und der Unterstützung von kinderreichen Familien sichtet die Caritas-Leiterin einen weiteren Schlüssel zur Armutsbekämpfung. „Es kann ja nicht sein, dass wir es in unserem reichen Land nicht schaffen, dass mehr Mitmenschen der Armut entkommen können!“

Hoffnung auf breite Unterstützung
Die Spenden sind zum Teil rückläufig. Vor allem die Kirchensammlungen in den Pfar­ren sind deutlich gesunken. „Wir führen das u.a. darauf zurück, dass immer weni­ger Menschen am Sonntag die hl. Messe besuchen. Im Gegensatz dazu steigt aber der Bedarf an Hilfsleistungen“, führt die Caritas-Direktorin aus.

Spenden hilft
„Gemeinsam sind wir stärker. Denn das Wir ist größer als das Ich, die Liebe größer als der Hass und die Hoffnung größer als die Verzweiflung“, ist Edith Pinter über­zeugt und hofft auf viele Spenden für die Caritas Sammlung für Menschen in Not im Burgenland.

So können Sie spenden

•      bei der Kirchensammlung Ihrer Pfarre

•      mit Erlagschein in allen Raiffeisenban­ken, Erste Banken und Postämtern

•      per E-Banking mit dem Kennwort Inlandshilfe 2016 Spendenkonto: Raiffeisenlandesbank IBAN AT34 3300 0000 0100 0652

•      oder direkt online: www.caritas-burgenland.at

 

Kirchensammlung zum Caritas Sonntag
Die katholischen Pfarren der Diözese Eisenstadt werden am 13. November die Caritas Sammlung für Menschen in Not im Burgenland durchführen.

Ihre Hilfe kommt an

Mit EUR 20,- kann eine Familie Lebensmittel für eine Woche einkaufen.

Mit EUR 25,- statten Sie eine Familie mit zwei Kindern mit warmen gebrauchten Jacken und Wintermänteln aus dem CARLA Shop aus.

Mit EUR 30,- ermöglichen Sie einer Mutter einen Monat lang, zumindest einen Raum ihrer Wohnung für die Kinder zu heizen.

Danke an die vielen SpenderInnen und UnterstützerInnen!
Im Vorjahr wurden 91.486,74 Euro zu Gunsten der Caritas Sammlung gespendet.
Zu danken ist auch allen Journalisten und Journalistinnen, die unser Anliegen an die Öffentlichkeit tragen.

Facts & Figures
Jede/r 9. BurgenländerIn ist armuts- oder ausgrenzungs-gefährdet

Am stärksten betroffen sind

  • Familien mit drei oder mehr Kindern
  • Nicht-ÖsterreicherInnen
  • Langzeitarbeitslose Menschen
  • AlleinerzieherInnen

 

Wussten Sie dass,

… 26.100 Burgenlän­derInnen (9%) es sich nicht leisten können, einmal im Monat Freun­de oder Familie zum Essen einzuladen?

… 20.300 Burgenlän­derInnen (7%) sich aus Geldmangel nicht ausgewogen ernähren können?

… 2.900 Burgenländer- Innen sich notwendige Arztbesuche nicht lei­sten können?

… 8.700 Burgenlände­rInnen (3%) ihre Woh­nung nicht angemessen warm halten können?

 

Gesamtleistungen der Caritas Nothilfe und Sozialberatung

  • Steigerung des gesamten Geldwerts der Nothilfe und Sozialberatung (dazu gehören z.B. Überbrückungshilfe, Wohnen, Energie, Carla Gutscheine) von 2014 auf 2015 um 7,7%
  • Oktober 2015 – September 2016 : 735 KlientInnen (davon über 60% Frauen)