Armut im Burgenland

08.11.17 / 14:28

Armut im Burgenland

Wenn das Christkind kein Auskommen mit dem Einkommen hat


Keine sechs Wochen mehr und schon steht Weihnachten vor der Tür. Für 13.000 Kinder im Burgenland geht aber das schönste Fest des Jahres ohne Geschenke, Festessen und Weihnachtsbaum vorbei.

Was heißt denn Armut?
„Können Sie sich vorstellen, dass wirklich jeder Siebente an Armut leidet?“, fragte Caritas Direktorin Edith Pinter die anwesenden JournalistInnen anlässlich des Spendenaufrufs für Menschen in Not. Ene, mene, muh - im Geiste wurde schnell der Freundeskreis durchgezählt, dann die KollegInnen im Büro, die Verwandten. Kein Treffer auf sieben! Wo versteckt sich also die Armut im Burgenland?

„Die Fassade der sicheren Existenz wird so lange wie möglich aufrecht gehalten; die Betroffenen nehmen oft viel Mühe auf sich, damit Nachbarn, Verwandte und Bekannte nicht merken, wie schlecht es ihnen eigentlich geht!“, schildert Edith Pinter. “Viele trifft Armut wie ein Blitzschlag: Man verliert den Job, gerät mit den Rückzahlungen für den Wohnbau-Kredit in Verzug, eine Krankheit oder ein Unfall wirft einen aus der Bahn. Und von heute auf morgen weiß man nicht mehr, ob man Rechnungen bezahlen oder Lebensmittel einkaufen soll.“

Essen, Miete oder Heizung?
Judith Bammer, Sozialberaterin der Caritas in Oberwart machte folgende Erfahrung: „Zu uns in die Nothilfe kommen Menschen erst dann, wenn der Leidensdruck so hoch, die Umstände so widrig und der Kühlschrank leer ist! Wer vor der Tür der Caritas Nothilfe steht, hat seine Angst und seine Scham überwunden. Keiner gibt gerne ein „Scheitern“ zu: Die Familie, die bereits seit Wochen in der kalten Wohnung sitzt, weil sie sich zwischen Essen und Heizen entscheiden musste, der Jugendliche, der nirgends mehr Unterschlupf findet, weil ihn keiner haben wollte oder die Alleinerzieherin mit dem Delogierungsbescheid für nächste Woche.“

Die Angst auf der Straße zu landen
Liegt der Delogierungsbescheid bereits vor, sind auch – symbolisch gesprochen – die Caritas Mitarbeiterinnen der Nothilfe mit Blaulicht zur Stelle! Dann heißt es rasch und konsequent zu helfen: Sie verhandeln mit dem Vermieter um Verlängerung der Zahlungsfrist für den Mietrückstand und unterstützen die Betroffenen zum Beispiel mit Windel-gutscheinen, Lebensmittelgutscheinen oder je nach Bedarf mit Bezugsscheinen aus den Carla Shops.
Hier können KlientInnen der Nothilfe gratis warme Kleidung, Haushaltsartikel, Kinderbedarf und Möbel beziehen.

Helfen – eine harte Arbeit

Professionell zu helfen ist ein tagtäglicher Knochenjob. Die Sozialarbeiterinnen der Caritas brauchen Kompetenz, Kreativität und Erfahrung, um für jede/n Klienten/in den richtigen Zugang zur Problemlösung zu finden. Dazu kommt noch jene innere Ruhe und Sicherheit, die es im Umgang mit Menschen in Not braucht. „Unsere KlientInnen stecken in einer Lebenskrise. Sie sind gestresst und stehen ‚unter Strom‘!“, schildert Judith Bammer.

Happy End macht alle glücklich

SozialarbeiterInnen gehen in ihrer Arbeit oft an Grenzen. Dann braucht es auch Fixpunkte, an denen man sich orientiert und wieder aufrichtet, wenn es einmal nicht so läuft. Dann denkt Judith Bammer an jene KlientInnen, denen sie zu einem Happy End verhelfen konnte.
„Das gelingt natürlich nur, wenn man gemeinsam mit Mut, Ausdauer und Konsequenz sich den Weg zurück erarbeitet“, meint die Sozialarbeiterin und denkt dabei an Irma. Nach einer schmutzigen Scheidung stand die junge Frau mehr oder minder auf der Straße. Als sie zum ersten Beratungsgespräch in die Caritas kam, unterschied sie sich kaum von den vielen KlientInnen der Sozialberatung: mehrere Kinder, alleinerziehend und keine Berufserfahrung.
Irma hatte aber ein klares Ziel vor Augen. Sie wollte unbedingt ihr abgebrochenes Studium beenden, einen Job finden und ihren Kindern eine gesicherte Existenz ermöglichen, unabhängig von dem Vater der Kinder, der sie so schäbig im Stich gelassen hatte.
Gemeinsam fand man einen Weg: Welche sozialrechtlichen Ansprüche hatten Irma und ihre Kinder, wo konnte sie zusätzliche Hilfe bekommen, sowohl bei staatlichen als auch spezialisierten Einrichtungen. Heute arbeitet Irma als Zahnärztin und kann ihren drei Kindern eine Zukunft bieten.

Konkrete Hilfe

So wie Irma suchen jährlich rund 700 BurgenländerInnen Hilfe bei der Caritas. In 2.200 Beratungsstunden versuchen die SozialberaterInnen in Neusiedl/See, Eisenstadt, Oberwart, Güssing und Jennersdorf einen Ausweg aus der Not zu finden. Die KlientInnen der Caritas haben weniger als EUR 7,50 täglich für Essen, Kleidung, Gesundheitsvorsorge und allen weiteren Ausgaben des täglichen Lebens zur Verfügung. Rund 40 Prozent ihres Haushaltseinkommens gehen allein für den Bereich Wohnen auf. „Mit Schrecken stellen wir fest, dass immer mehr Menschen ihre Miete nicht mehr zahlen können und in Gefahr laufen, samt ihren Kindern auf der Straße zu stehen!“, stellt Caritas Direktorin Edith Pinter fest.
„Eine Delogierung kommt einem freien Fall ins soziale Nichts gleich. Wer keine feste Wohnadresse hat, der verliert nicht nur sein Konto. Er hat kein Zuhause mehr! Um solche Katastrophen zu verhindern, hat die Caritas einen zinsenfreien Delogierungsfonds für betroffene Familien installiert.“

Welttag der Armen

Papst Franziskus hat heuer erstmals zum „Welttag der Armen“ am 19. November 2017 ausgerufen: „Liebt nicht mit Worten, sondern in Taten!“
Es gibt viele Möglichkeiten, sich als Helfer/in zu engagieren. Neben Geldspenden kann man sich auch ganz persönlich einbringen. Die Caritas startet zu diesem Zweck heuer erstmals die Aktion #Keksehelfen: Backen Sie Kekse und tun Sie damit Gutes, heißt die Devise. Es funktioniert ganz einfach: Lieblingsrezept raussuchen, Kekse backen, ins Büro, in den Sportklub, etc. mitnehmen, Keksteller aufstellen, Spendenglas daneben platzieren und um ein Spende für Menschen in Not im Burgenland bitten.

Wer ist arm?

Um Armut vergleichbar zu machen, wur¬den insgesamt sieben „Armutskriterien“ definiert. Treffen zwei davon zu, spricht man von „materieller Deprivation“, was man mit Entbehrung oder auch Isolation übersetzen kann. Im Burgenland sind vor allem alleinerziehende Mütter, Langzeitarbeitslose und Familien mit drei oder mehr Kindern überdurchschnittlich häufig von Armut betroffen.

Kirchensammlung am Welttag der Armen

Papst Franziskus hat in diesem Jahr erstmals den Welttag der Armen am 19. November ausgerufen. An diesem Tag werden die katholischen Pfarren der Diözese Eisenstadt die Caritas Sammlung für Menschen in Not im Burgenland durchführen.

Ihre Hilfe kommt an
20 Euro schenken einer armutsbetroffenen Jungfamilie die Erstausstattung für ihr Baby.

30 Euro helfen Menschen in Notsituationen mit Heizkostenzuschüssen, Energieberatung oder der Reparatur von defekten Heizungen.

100 Euro
sichern die Unterbringung und Versorgung eines obdachlosen Menschen in einer Notschlafstelle für eine Woche.

Danke an die vielen SpenderInnen und UnterstützerInnen!
Im Vorjahr wurden 101.245,- Euro zu Gunsten der Caritas Sammlung gespendet.
Unser herzlicher Dank gilt unseren Hauptsponsoren Erste Bank und Sparkassen, die diese Kampagne erst ermöglichen!

Zu danken ist auch allen Journalisten und Journalistinnen, die unser Anliegen in die Öffentlichkeit tragen.

Facts & Figures: Armut im Burgenland

Zahlen und Fakten (EU SILC 2016)

45.000 armutsgefährdet
53.000 armuts- oder ausgrenzungsgefährdet

Können sich nicht leisten…

11.844 können keine unerwarteten Ausgaben tätigen
11.505 können keinen Urlaub machen
  4.737 können nicht 1x im Monat Freunde einladen
  4.060 können sich keine neuen Kleider kaufen
  3.910 können sich nicht ausgewogen ernähren
  3.308 sind mit Zahlungen im Rückstand

Wohnprobleme

8.272 haben Wohnkostenanteil über >40%
3.233 haben Feuchtigkeit, Schimmel in ihrer Wohnung
3.797 haben dunkle Räume in ihrer Wohnung
4.587 sind durch Lärm belastet

Gesundheitsprobleme

9.475 sind chronisch krank
4.324 sind in schlechtem / sehr schlechtem Gesundheitszustand

KlientInnen der Caritas Nothilfe

Anzahl der KlientInnen: rund 700
63,8 % weiblich
52,2 % alleinlebend
20,7 % alleinerziehend
10 % unserer KlientInnen haben mehr Ausgaben als Einnahmen
35,8 % haben weniger als 200 Euro frei verfügbares Einkommen im Monat