Wer weiß schon, wann die Liebe aufhört?

25.09.18 / 15:29

Herr Franz sitzt in seinem Rollstuhl und „grantelt“ vor sich hin: „Lasst mich doch endlich sterben, keiner mag mich, keiner kommt mich besuchen!“ Dabei war seine Enkelin erst vor einer Stunde gegangen. Seit
seine Frau vor etwa fünf Jahren gestorben ist, geht es mit ihm bergab. Die Symptome der Alzheimer
Krankheit waren nicht mehr zu übersehen, als er ins Altenheim übersiedelte.

Franz & die Frauen
Obwohl er es mit der Treue nie so genau genommen hat, war seine Gerlinde der ruhende Pol, die unumstößliche Gewissheit, von jemandem geliebt zu werden. Mit ihrem Tod hat er seinen fixen Ankerplatz verloren und treibt seither geistig und seelisch wie ein herrenloses Schiff durchs Leben. Die anfängliche Vergesslichkeit wurde vor drei Jahren als Alzheimer diagnostiziert.

Die Sonne geht auf
Eine Tür öffnet sich und Maria kommt langsam und bedächtig aus ihrem Zimmer, den Gang des Altenheims entlang und steuert auf Franz zu: sst, sst, toc – macht dabei ihr Gehstock. Franz blickt auf, sieht Maria und in seinem Gesicht geht die Sonne auf. Eine schöne Frau ist für Franz die beste Medizin gegen seine Traurigkeit. Und Maria? Ja, sie ist schon über 85 Jahre alt, aber warum sollte sie seine charmanten Aufmerksamkeiten nicht genießen?

Verständnis ist wichtig
Aus dem Flirt der beiden wird eine Liebesgeschichte. Nicht immer ungetrübt, den manchmal scheint Franz – vergesslich wie er nun einmal ist – mit der falschen Dame zu schäkern. Die Kinder der beiden freuen sich für die Jungverliebten, sie sehen, dass es ihren Eltern wieder besser geht und sie richtig aufleben. Ihnen ist klar, dass das Bedürfnis nach Liebe, Wärme und Zärtlichkeit kein Ablaufdatum hat und natürlich auch vor den Türen des Altersheims nicht Halt macht.

Individuelle Betreuung
Die Heimleitung sucht das Gespräch mit allen Beteiligten. Die Pflegerinnen nehmen herzlichen Anteil an der romantischen Affaire und wissen sich auch praktisch schnell zu helfen. Gemeinsam wird ein Schild für die beiden gebastelt, die nun manchmal an Marias Zimmertür baumelt: „Bitte nicht stören!“

 

TIPP: Jede "Ansprache" ist wichtig!

Das Grundbedürfnis, respektiert zu sein, gebraucht und gehört zu werden ist auch für jeden – auch für
Alzheimer PatientInnen sehr wichtig. Viele ziehen sich zurück, leben in ihrer eigenen Vergangenheit,
wenn in der Gegenwart nichts passiert.

Ein strukturierter Tagesablauf mit lieben Gewohnheiten, viel Aufmerksamkeit durch gemeinsames, geduldiges Tun, helfen dabei. Jede „Ansprache“ ist wichtig, damit ein Mensch mit Alzheimer nicht in seiner eigenen Sprachlosigkeit versinkt.

 

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Teil 1 der Serie Demenz