Eine Wohnung ist nicht alles, aber ohne Wohnung ist man nichts

08.11.18 / 11:05

Caritas Direktorin Edith Pinter und Caritas Pressesprecherin Uli Kempf bei der Pressekonferenz

Wenn die Temperaturen sinken und die Lage der Menschen ohne Obdach lebensgefährlich wird, geht bei der Caritas das Kältetelefon voll in Betrieb. Hier kann man anrufen, um Informationen über das nächstgelegene Notquartier der Caritas zu erhalten. Denn: „Keiner soll in der Kälte bleiben, schenken wir gemeinsam Wärme!“, appelliert Caritas Direktorin Edith Pinter im Rahmen der Caritas Sammlung für Menschen in Not im Burgenland an die Hilfsbereitschaft der BurgenländerInnen.

Letztes Jahr standen rund 2.400 BurgenländerInnen vor einer Kündigung oder Räumungsklage. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich: „Diese Menschen stehen mit dem Rücken zur Wand. Manche verschließen in ihrer Panik die Augen vor der Realität und sind wie gelähmt!“, schildert die Caritas Direktorin. „Sie wissen oft nicht, ob sie ihr Geld für Essen oder für die Miete ausgeben sollen!“ In solchen Notlagen kommt es dann zu Räumungsexekutionsanträgen bei Gericht. Im letzten Jahr waren 138 Familien betroffen, schlussendlich wurden davon 45 tatsächlich durchgeführt und die Betroffenen standen ohne Bleibe da.

In den Caritas Sozialberatungen macht man immer wieder die gleiche Erfahrung:

Obdachlosigkeit sei der traurige Tiefpunkt einer Laufbahn der Armut, den es zu verhindern gelte! Denn je früher man die Betroffenen aus dieser schrecklichen und belastenden Situation heraushole, umso leichter sei der Weg zurück zur Normalität, so Petra Frank, Sozialberaterin der Caritas.

Die Ursachen sind bekannt: Krankheit oder Scheidung können zum verhängnisvollen, ersten Schritt in Richtung Armut werden. Alleinerzieherinnen zum Beispiel, die ohne Auto auf einen Arbeitsplatz in der Nähe angewiesen sind und zugleich ohne familiären Rückhalt für die Betreuung ihrer Kinder dastehen, geraten in eine extrem stressige Lebenssituation. Die Pflege eines kranken Kindes wird zum Luxus und bringt Mütter in eine Zwangslage. Schließlich sind sie meist auf diesen einen Job angewiesen.

Teilzeitjobs als Armutsfalle

Working Poor – die arbeitenden Armen – so werden all jene bezeichnet, die trotz eines Jobs nicht genug verdienen, um die notwendigsten Ausgaben wie Miete, Strom, Kleidung oder Nahrung abzudecken.

Mietpreise seit 2012 um über 20 Prozent gestiegen

Im Burgenland kostet eine 70 m2 Wohnung durchschnittlich 408 Euro, Betriebskosten inklusive. Bei einer Mindestsicherung von maximal 1.130 Euro für eine Mutter mit zwei Kindern bleiben täglich jeweils 7,70 Euro für Essen, Kleidung, Einrichtung, Schulsachen etc.. Kosten für einen Schulausflug werden zum Problem und der kaputte Herd zur Katastrophe.

Bei 45 Prozent aller armutsgefährdeter Personen liegt der Wohnkostenanteil über 40%. Dieser Belastung ist man auf Dauer kaum gewachsen.

Obdachlosigkeit im Burgenland

Die Caritas fängt in ihrer Notschlafstelle in Oberwart, dem ZufluchtsRaum in Eisenstadt und dem Mutter+Kind=Haus in Wimpassing Menschen wieder auf. Insgesamt stehen rund 22 Betten zur Verfügung. Statistisch ist Obdachlosigkeit schwer zu fassen. „Die Dunkelziffer ist unserer Erfahrung nach wesentlich höher. Vor allem die Obdachlosigkeit bei Frauen halten wir für erheblich höher. Um Wohnungslosigkeit zu vermeiden nehmen manche auch sehr unsichere Wohnverhältnisse mit Abhängigkeiten und mehr in Kauf.“ 

Keine Wohnung – weniger Rechte

„Wenn arme Menschen am Rande der Gesellschaft stehen, dann sind Obdachlose bereits auf der Kippe des Abgrunds“, schildert Edith Pinter. „Ohne Adresse kann man nicht mehr wählen gehen, verliert auch jedes Recht auf eine Mindestsicherung und steht ohne Krankenversicherung im wahrsten Sinne des Wortes in der Kälte. Im Grunde genommen wird man zu einem Menschen zweiter Klasse degradiert. Deshalb wird der Schritt retour und raus aus der Obdachlosigkeit zu einem so schwierigen Weg!“

Mutter+Kind=Häuser

Zur Tragödie wird Wohnungslosigkeit für Mütter: Ohne ein Mutter+Kind=Haus, wo sie gemeinsam mit den Kindern unterkommen, könnte es zu einer Kindsabnahme durch die Kinder- und Jugendwohlfahrt kommen. „Und plötzlich war alles anders!“ So empfinden es viele Caritas Klientinnen, wenn sie von ihrem Schicksal erzählen. Die eine verlor ihren Job, die andere wurde vom Mann im Stich gelassen oder eine Krankheit hat sie aus der sicheren Existenz gerissen. Der Berg von Rechnungen wächst genauso rasant, wie die Aussichtslosigkeit, mit dem Geld bis zum Ende des Monats auszukommen.

Seit 2015 gibt es das erste Mutter+Kind=Haus der Caritas im Burgenland. Das zweite Haus in Marz steht kurz vor der Fertigstellung und im Süden hofft die Caritas Direktorin auf Haus Nr. 3.

Männer ohne Dach über dem Kopf

Armut und Not trifft nicht nur Frauen. Das wird auch durch die große Nachfrage in der Caritas Notschlafstelle für Männer in Oberwart belegt: über 1.330 Nächtigungen wurden bereits bis Ende September diesen Jahres registriert. Dabei beginnt erst jetzt, mit den fallenden Temperaturen, die „Hauptsaison“ im Notquartier.

7 Tage die Woche: Kältetelefon

Ab dem 5. November ist das Caritas Kältetelefon Montag bis Sonntag von 8.00 bis 22.00 Uhr besetzt. Hier gibt es Hilfe für obdachlose Menschen. Viele Menschen wollen helfen, wissen aber nicht, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie im Winter das Schlaflager eines akut obdachlosen Menschen sehen. „Wenn Sie den Schlafplatz eines obdachlosen Menschen bemerken und unkompliziert helfen möchten, rufen Sie bitte das Caritas Kältetelefon, 0676 837 30 322, an“, bittet die Caritas Direktorin.

Caritas Delogierungsfonds

 „Aus Sicht der Caritas brauchen wir auch noch mehr Betten für den Winter, um den realen Bedarf zu decken. Gleichzeitig erscheint es umso wichtiger, Delogierungen – den freien Fall ins soziale Nichts – schon im Vorfeld zu verhindern. Darum hat die Caritas einen zinsenfreien Delogierungsfonds installiert, der heuer wieder durch Spenden aufgefüllt werden soll“, so hofft Edith Pinter auf die Hilfe der BurgenländerInnen, „denn ein kleiner Beitrag macht oft diesen großen Unterschied für Menschen in Not aus“.

 

So können Sie spenden

  • mit Erlagschein in allen Raiffeisenban­ken, Erste Banken und Postämtern
  • per E-Banking mit dem Kennwort Inlandshilfe 2018
    Spendenkonto: Raiffeisenlandesbank IBAN AT34 3300 0000 0100 0652
  • direkt online: www.caritas-burgenland.at

Kirchensammlung am Welttag der Armen

Papst Franziskus hat auch heuer wieder den Welttag der Armen ausgerufen. An diesem Tag, dem 18. November, werden die katholischen Pfarren der Diözese Eisenstadt die Caritas Sammlung für Menschen in Not im Burgenland durchführen.

Ihre Hilfe kommt an

20 Euro schenken einer armutsbetroffenen Jungfamilie die Erstausstattung für ihr Baby.
30 Euro helfen Menschen in Notsituationen mit Heizkostenzuschüssen, Energieberatung oder der Reparatur von defekten Heizungen.
100 Euro sichern die Unterbringung und Versorgung eines obdachlosen Menschen in einer Notschlafstelle für eine Woche.

 

Facts

Factbox: Wohnungslosigkeit im Burgenland

  • 45 Familien mussten 2017 ihre Wohnung durch eine gerichtliche Exekution räumen (kontinuierliche Steigerung in den letzten 10 Jahren).
  • + 20,7 % beträgt die Steigerung der Mietpreise im Burgenland in den letzten 5 Jahren.
  • 45 % der Armutsgefährdeten haben einen Wohnkostenanteil von über 40 % ihres Haushaltseinkommens.

 

Factbox: Armut im Burgenland

  • 52.000 BurgenländerInnen sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet (17 %).
  • Jede/r 7. Ist von Armut betroffen (45.000).
  • 22 % der Kinder und Jugendlichen (bis 19 Jahre) sind armuts- und ausgrenzungsgefährdet.

 

Factbox: Caritas Hilfe für BurgenländerInnen in Not

  • ZufluchtsRaum für obdachlose Familien in Eisenstadt
  • Notschlafstelle für obdachlose Männer in Oberwart
  • Mutter+Kind=Haus für armutsbetroffene, alleinerziehende Mütter in Wimpassing
  • Sozialberatungsstellen für Armutsbetroffene im Burgenland: Neusiedl am See, Eisenstadt, Oberwart, Güssing und Jennersdorf
  • Kältetelefon für obdachlose Menschen 7 Tage/Woche erreichbar: 0676 / 83 730 322

Danke für Ihre Spende für BurgenländerInnen in Not

Hier einfach online spenden: