Armut im reichen Burgenland: Was heißt denn da arm?!

06.11.19 / 11:09

Caritas Direktorin Edith Pinter beim Auftakt der Spendenkamapgne für BurgenländerInnen in Not

„BurgenländerInnen, die kein Dach über dem Kopf haben und ohne ärztliche Anordnung hungern, sind zweifelsfrei als arm zu bezeichnen. Wo Armut beginnt ist jedem klar, wo hört sie aber auf?“, mit dieser Frage startete die Caritas-Direktorin, Edith Pinter, die Kampagne für Menschen in Not im Burgenland.

Im Burgenland sind 49.000 Menschen von Armut und Ausgrenzung betroffen. Einer Armut, die viele verschiedene Gesichter hat. Darunter Menschen, die jeden Tag um ihre Existenz kämpfen. Menschen, so wie Frau K., die in ihrer Not den Weg zur Caritas suchen.

Der Alkohol, die Wutanfälle, die Schläge – über 20 Jahre ertrug sie dieses Leben in Angst. Sie ging nicht zur Polizei und auch vor den Nachbarn blieb die Fassade der glücklichen Familie aufrecht. Aber eines Tages packte sie ihre Sachen und flüchtete mit ihrer Tochter zu einer Freundin. Aus einer finanziell gesicherten Existenz wagte sie den Schritt in die Armut: ohne Zuhause, ohne gesichertes Einkommen.

Frau K. hat ein gepflegtes Äußeres und ein nettes Auftreten. „Wenn Sie Frau K. auf der Straße begegnen, kämen Sie nicht im Traum auf die Idee, sie als arm zu bezeichnen!“, beschreibt Pinter die neue Klientin der Caritas Sozialberatung.

Wenn der Alltag zum Überlebenskampf wird.

Denn Armut ist nicht immer auf den ersten Blick sichtbar. Unter schwierigsten Umständen unternehmen alleinerziehende Mütter alles, um ihre Kinder über die Runden zu bringen. Tag & Nacht begleitet von der Angst vor einem wachsenden Schuldenberg, vor dem drohenden Jobverlust oder vor der unberechenbaren Gewalt des Partners. Für eine eigene Bleibe für sich und die Kinder haben sie zu wenig Einkommen. Bei der Vorstellung, mit ihren Kindern auf der Straße zu stehen, steigt Panik auf und lässt viele dieser Frauen widerwillig in einer Zweckbeziehung erstarren. Für ein Dach über dem Kopf erdulden sie vieles. Oft zu viel. Bis zur letzten Konsequenz verharren sie im wunschlosen Unglück. Denn ohne Wohnung nimmt man Müttern die Kinder weg.

Obdachlosigkeit: der traurige Tiefpunkt

Unsere Caritas-Sozialarbeiterinnen wissen: Armut bedeutet für AlleinerzieherInnen am Monatsende zu entscheiden, ob sie etwas zu Essen kaufen oder die Wohnung heizen sollen. Armut bedeutet für Kinder in kalten Zimmern zu schlafen und zu spielen, weil die Wohnung nicht angemessen warmgehalten werden kann. Armut bedeutet für viele Familien, dass zusätzliche oder unerwartete Ausgaben finanziell nicht möglich sind: Keine Klassenfahrten, keine Reparatur der Waschmaschine oder der Heizung. Oft geht es rasch: Eine persönliche Krise, Kündigung, Überschuldung oder Delogierung drängt Menschen an den Rand der Gesellschaft. Sie verlieren ihren Wohnraum und damit auch ihren Schutz- und Erholungsraum. Obdachlosigkeit sei der traurige Tiefpunkt einer Laufbahn der Armut, den es zu verhindern gelte, ist die Caritas Direktorin überzeugt.

Wenn es nicht mehr geht, dann hilft die Caritas.

Die Caritas ist für armutsbetroffene und obdachlose Menschen oft die letzte Anlaufstelle, wenn es alleine nicht mehr geht. So wie Frau K. suchen jährlich rund 700 BurgenländerInnen Hilfe bei der Caritas. „In 2.200 Beratungsstunden versuchen die SozialberaterInnen in Neusiedl/See, Eisenstadt, Oberwart, Güssing und Jennersdorf einen Ausweg aus ihrer Lebenskrise zu finden. Wir stehen Menschen in Not bei, helfen ihnen, um wieder auf die Beine zu kommen und wieder ein selbstbestimmtes Leben führen zu können“, berichtet die Direktorin. Auch Frau K. hat sich mit ihrer Tochter an die Caritas gewandt. Als ihre Tochter ihren ersten Geburtstag im Mutter-Kind-Haus gefeiert hat – mit Torte, Liedern und Geschenken – da haben beide vor Freude geweint, erzählt sie heute.
„Jeder Siebente ist im Burgenland armutsgefährdet. Das ist die traurige Bilanz“, resümiert Edith Pinter zum Auftakt der Spendensammlung für Menschen in Not. „Anhand der Statistik ist auch abzulesen, dass Armut an die Kinder vererbt wird. Diesen Teufelskreis mit dem Bildungshammer zu zerschlagen, ist uns ein ganz wichtiges Anliegen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass sich die Burgenländer faire Chancen für alle unsere Kinder wünschen und bereit sind, dafür auch etwas zu tun.“

Etwas tun & etwas fordern

Die Caritas Burgenland will die Sozial- und Nothilfeberatungen, soweit es die Möglichkeiten zulassen, ausweiten. Fertig und kurz vor der Belegung steht ein weiteres, kleines Mutter+Kind=Haus in Marz. Das Hilfspaket gegen Obdachlosigkeit, mit dem ZufluchtsRaum und der Notschlafstelle, wird durch den Delogierungsfonds ergänzt. „Die Suche nach Unternehmen, die uns ein weiteres Caritas Lerncafé im Süden des Landes sponsern, geht allerdings noch weiter. Wenn SchülerInnen bei uns etwas lernen, kann es doch nur von Vorteil für jene Unternehmen sein, die gute Lehrlinge suchen!“, zeigt sich die Direktorin optimistisch.

 „Als Caritas sind wir so etwas wie der Seismograph für gesellschaftliche Erschütterungen: In unseren Nothilfeberatungen registrieren wir eine Zunahme bei Delogierungen. Für größere Familien wird die Belastung durch Miete und Betriebskosten zum finanziellen Desaster. Für alte Menschen mit Mindestpension wird die Stromheizung im alten, schlecht isolierten Haus zur Armutsfalle. Sowohl die Bundes- als auch die Landesregierung könnten durch politische Maßnahmen im Bereich der Sozialhilfe, der Lernunterstützung und der Schaffung von leistbarem Wohnraum gezielt der Armut entgegensteuern!“, ermuntert die Caritas Direktorin die Politik.

Helfen auch Sie mit, Armut zu verhindern!

„Egal ob AlleinerzieherInnen, Familien mit mehreren Kindern, PensionistInnen oder alleinstehende Menschen: Wir müssen unseren Blick schärfen für die Schwächsten in unserer Gesellschaft und sie so schnell wie möglich vom Rand in unsere Mitte zurückholen. Möglich ist schnelle und effektive Hilfe nur dank der Unterstützung von Spenderinnen und Spendern. Und für diese Unterstützung möchte ich mich schon jetzt ganz herzlich bedanken!“, so Caritas Direktorin Edith Pinter abschließend.

Ihre Hilfe kommt an:

  • 20 Euro schenken einer armutsbetroffenen Jungfamilie die Erstausstattung für ihr Baby.
  • 33 Euro sichern einer alleinerziehenden Mutter eine Nacht im Mutter+Kind=Haus.
  • 50 Euro und Sie schenken einen Schlafsack als Lebensrettung für einen obdachlosen Menschen.